Eingestellt am 11. Januar 2013 · Eingestellt in Markteinschätzung

Was war das für eine Empörung. Neu emittierte Staatsanleihen der Euro Mitgliedsstaaten enthalten seit dem 1.1.2013 eine Klausel, die die technische Abwicklung eines Schuldenschnitts vereinfacht. Diese erlaubt es dem staatlichen Schuldner, auch dann seine Schulden nicht zurückzuzahlen, wenn der einzelne Anleihebesitzer nicht zustimmt. Hier fragt man sich schon, was es überhaupt noch zuzustimmen gibt. Greifen sie mal einem nackten Mann in die Tasche. Zudem zeigen die verschiedenen Beispiele der Wirtschaftsgeschichte, dass zwischen Zahlungsfähigkeit und Willigkeit zu unterscheiden ist. Nur weil ein Land über Vermögenswerte verfügt bedeutet es nicht, dass der Gläubiger auf diese Zugriff hat…

Jedenfalls war das Medienecho auf die Klauseln ziemlich gewaltig.

An dieser Stelle sollte man sich wieder ins Gedächtnis rufen, dass Anleihen Kredite sind und Kreditnehmer (auch staatliche) ausfallen können. Doch auch hier gibt es nicht nur schwarz und weiß. Zwischen der vollständigen kaufkrafterhaltenden Rückzahlung einer Anleihe und dem Totalverlust ist schließlich eine Vielzahl an Schattierungen denkbar. Letztendlich spielt es für den Gläubiger eines Kredites aber  keine Rolle, ob die Kaufkraft seiner Forderung aufgrund von Inflation, irgendwelcher Klauseln oder aus sonstigen Gründen reduziert wird. Das Ergebnis ist immer weniger Kaufkraft.

Interessanterweise hängt das Maß der medialen Empörung aber stark davon ab, wie intelligent Schuldenschnitte verpackt werden. Während die Medienpräsenz ein kurzfristiger Effekt ist, sind die Folgen für die private Finanzplanung langfristig schwerwiegender Natur. Häufig merkt es nur kurzfristig niemand.

Ein besonders schönes Beispiel für eine solche Verpackung ist das Alterseinkünftegesetz (AEG) mit Wirkung zum 1.1.2005. Darin wurde unter anderem die Besteuerung der verschiedenen Rentenarten neu geregelt. Hier sollte man sich wieder in Erinnerung rufen, dass die Rentenansprüche der Bürger Verbindlichkeiten des Staates sind.

Die folgenden Aussagen und Berechnungen sind sehr stark vereinfacht, um die gegenseitige Abhängigkeit von Forderungen und Schulden in der Verpackung „gesetzliche Rente“ zu verdeutlichen. Die Auswirkungen von verbesserter steuerlicher Absetzbarkeit der Rentenbeiträge, geänderter Freibeträge usw. bleiben daher außen vor. Hier kann nur eine individuelle Berechnung empfohlen werden. Dementsprechend sehen Sie es bitte als Denkanstoß.

Der Rentner erhielt 10.000 Euro gesetzliche Rente pro Jahr. Bis zum 31.12.2004 war diese für einen Rentner mit Rentenbeginn im Lebensalter von 65 Jahren zu 27 Prozent steuerpflichtig. Macht also einen steuerlich relevanten Betrag von 2.700 Euro (man nennt das Bemessungsgrundlage). Bei einem theoretischen Steuersatz (er hat noch andere Einkünfte) von 30 Prozent sind das 900 Euro an Steuern. Der Staat zahlte also 10.000 Euro Rente aus und erhielt 900 Euro Steuern zurück. Die Gesamtbelastung für den Schuldner Staat lag bei 9.100 Euro. Genau dieser Betrag blieb auch beim Gläubiger (=Rentner) hängen. Was dem einen sein Schuldendienst, dass  ist dem anderen seine Rente.

Nach der Einführung des Alterseinkünftegesetzes erhält der Rentner immer noch 10.000 Euro Rente. Diese sind aber nun zu 50 Prozent steuerlich relevant. Es sind also 5.000 Euro, die zu versteuern sind. Bei identischem Steuersatz (zur Vereinfachung vernachlässigen wir die Progression bei höherem zu versteuerndem Einkommen) von 30 Prozent beträgt die Steuerlast nun 1.500 Euro. Die jährliche Belastung für den Schuldner (Staat) fällt also auf 8.500 Euro (10.000 Rente abzgl. 1.500 Euro Steuern). Das sind mal eben so 6,6 Prozent, die beim Schuldner weniger aus der Tasche raus und beim Gläubiger weniger in die Tasche reinfließen.

Besonders interessant wird es aber für die zukünftigen Rentner und damit auch die geburtenstarken Jahrgänge, die ab ca. 2020 in den Ruhestand gehen. Die steuerliche Erfassung steigt von 2005 bis 2020 jedes Jahr um 2 Prozent und dann bis 2040 um ein Prozent, so dass ab 2040 volle 100 Prozent der gesetzlichen Rente steuerlich relevant sind.

Nehmen wir nun die steuerliche Relevanz von 80 Prozent für einen 1955 geborenen Babyboomer an, dann wird die Dimension deutlich: 10.000 Euro Rente, davon 80 Prozent steuerlich relevant und 30 Prozent Steuersatz ergeben eine Steuerbelastung von 2.400 Euro. Damit sinken die Nettobelastung für den Schuldner und die Nettorente für den Rentner auf 7.600 Euro. Wenn das kein intelligentes Schuldenmanagement ist. Gleiche Rentenhöhe (politisch immer gut) und trotzdem weniger Verbindlichkeiten.

Und jetzt die spannende Frage: Können Sie sich daran erinnern, dass 2005 die mediale Entrüstung über diese Änderungen überhaupt vorhanden, geschweige denn mit der heutigen Diskussion über die Vertragsklausel in den neu emittierten Anleihen vergleichbar war? Also ich nicht. Außer ein paar Alibiveranstaltungen an der Steuerfront und dem Trommeln der Versicherungswirtschaft „noch schnell einen Vertrag abschließen“ passierte nicht viel.

Traurigerweise spielt dieses Thema bis heute in der steuerlichen und finanziellen Beratung so gut wie keine Rolle. Da wird eher diskutiert warum die 12 Euro Fahrtkosten zur Hauptversammlung nicht mehr steuerliche absetzbar sind (früher war alles besser) und ob die Aktien von Daimler oder BMW mehr von dem Wachstum in den Schwellenländern profitieren.

Fazit

Aufgrund der demographischen Entwicklung waren und sind Reformen notwendig. Egal ob bei der Rente, Staatsanleihen oder anderen Versprechungen…. Vieles wird nicht gehalten werden können und daher wird es den Gläubiger zwangsläufig betreffen. Denn die Schuldenschnitte gibt es sowieso, aber je früher der Gläubiger die Fakten kennt, desto eher kann er sich darauf einstellen. Allerdings sollte man sich hierbei nicht nur auf die Medien und deren Berichterstattung verlassen. Nicht alle Maßnahmen zur Durchführung von Schuldenschnitten sind so einfach zu erkennen, wie die neue Klausel.

Also immer dran denken: Schuldenkrise ist Blödsinn, denn das Problem hat immer auch der Gläubiger!

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Über den Autor

Herr Leichtweiß ist Finanzplaner und hat seinen Schwerpunkt in der strategischen Vermögensstrukturierung. Seine Beiträge finden Sie regelmäßig auf unserer Seite.