Eingestellt am 19. Februar 2014 · Eingestellt in Alle Publikationen

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Ein Chart, der starke Parallelen zwischen dem Börsencrash 1929 und der aktuellen Kursentwicklung des Dow Jones aufweist, lässt nur einen Schluss zu: Der Zusammenbruch steht kurz bevor. Einer Überprüfung hält die These allerdings nicht stand.

Investitionen in Aktien sind immer mit Risiko verbunden. Was genau Risiko für den einzelnen Investor bedeutet, hängt von der jeweiligen Persönlichkeit ab. In der wissenschaftlichen Disziplin der Entscheidungstheorie bedeutet Risiko, dass zum heutigen Zeitpunkt noch nicht klar ist, welche Entwicklung in der Zukunft eintreten wird und dass den einzelnen zukünftigen Zuständen auch keine sogenannte Eintrittswahrscheinlichkeit zugeordnet werden kann. Welche Definition von Risiko man auch immer heran ziehen möchte, fest steht, dass der Mensch es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Ungewissheit in Bezug auf die Zukunft mithilfe unterschiedlichster Methoden auszuschalten. Die hierzu verwendeten Instrumente reichen von rein mathematischen Methoden unter Berücksichtigung der Vergangenheit über finanzpsychologische Analysen in Bezug auf das Verhalten der Marktteilnehmer bis hin zur Analyse von Chartverläufen. Im Bereich der Charttechnik existieren die wildesten, teils für den Außenstehenden nicht wirklich erkennbaren Muster innerhalb der Chartverläufe, welche dann wiederum auf zukünftige Entwicklungen schließen lassen. Natürlich gibt es auch einige sinnvolle Erkenntnisse, die sich aus der Chartanalyse ziehen lassen.

Eine besondere Form des Chartvergleiches sorgt derzeit insbesondere in den USA für viele Diskussionen und reichlich öffentliches Aufsehen:

„Chart des Tages: Aktueller Aktienmarkt weckt Erinnerungen an 1929!“

„Fünf Zeichen, dass ein Crash wie 1929 kurz bevor steht“

Sind nur zwei Überschriften aus der endlos scheinenden Flut an Titelstories und Leitartikel der Medien. Daher zunächst einmal eine kurze Zusammenfassung dessen, worum es in der Diskussion überhaupt geht:

Ursprung aller Spekulationen und Diskussionen ist die nachfolgende Grafik, die erstmal im September letzten Jahres in einem der zahlreichen Börsen-Blogs auftauchte.

Grafik 1_1929

Abb. 1

Zu sehen ist ein Vergleich zwischen dem aktuellen Verlauf des Dow Jones 30 Industrial (von Mitte 2012 bis zum damaligen Datum, September 2013, hellgüne Linie) und dem historischen Verlauf des Dow Jones 30 Industrial (von Januar 1928 bis nach dem großen Börsencrash im Oktober 1929, graue Linie). Durch eine geschickte Wahl der Skalierung lässt sich eine starke Parallelität der Kursverläufe erzeugen. Für die Medien bedeutet eine solche Darstellung natürlich eine gefundene Geschichte für die Titelseite. Heraus gekommen sind dann unter anderem die zuvor genannten Überschriften.

Zunächst noch einmal kurz zur Erinnerung: Nachdem sich die Kurse an der Wall Street zwischen 1928 und Sommer 1929 fast verdoppelt hatten, kam es im Oktober 1929 zu einem dramatischen Kursverfall. Dieser gilt als Auslöser der anschließenden Weltwirtschaftskrise. Lassen wir zunächst die handwerkliche Sauberkeit bei der Erstellung der Grafik außer Acht, stellt sich die Frage, ob wir uns heute in einer ähnlichen Situation befinden. Während die „Goldenen Zwanziger“ eine langanhaltende ökonomische Blütezeit darstellten, in der die Aktienkurse fast zehn Jahre lang stark anstiegen, erholen sich die USA sowie der Rest der Welt derzeit noch immer von der Krise der Jahre 2008 und 2009. Zusätzlich wurden damals zahlreiche Aktienkäufe kreditfinanziert, da die Anleger häufig der Überzeugung waren, der Aktienmarkt könne immer nur steigen. Als die Kurse im Oktober 1929 zu fallen begannen forderten die Banken die Kredite zurück und beschleunigten so die Verkaufswelle. Fundamental sind die beiden Ausgangssituationen somit nicht wirklich vergleichbar.

Ein Blick auf die identische Grafik, allerdings mit Stand heute (Abb. 2) bestätigt die Vermutung: Der große Crash ist ausgeblieben!

Grafik 2_1929

Abb. 2

Natürlich darf eine solche Entwicklung nun nicht nachträglich in das andere Extrem umgedichtet werden, nach dem Motto: „Der Crash ist ausgefallen, Aktien laufen weiter!“, aber es wird deutlich, dass die Betrachtung eines beliebigen Zeitraums und die Entdeckung einer in diesem Zeitraum vorliegenden Parallelität keine gute wissenschaftliche Methode sind.  Korrekt wäre gewesen, einen relativen Vergleich der beiden Zeiträume anzustellen, indem man beide auf eine Basis normiert und anschließend die prozentualen Veränderungen darstellt (Abb. 3, der 03.01.1928 sowie der 01.05.2012 sind jeweils der Startpunkt und auf 100 normiert).

Grafik 3_1929

Abb. 3

Hätte man diese handwerklich saubere Darstellung veröffentlicht, wäre die aktuelle Diskussion gar nicht entstanden. Gleichzeitig hätte es aber auch einige Schlagzeilen und damit vielleicht auch verkaufte Zeitungen weniger gegeben.

Was sollten Anleger hieraus lernen?

„Man sollte nicht alles glauben, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen gesagt wird“, eine Grundregel, die sicherlich nicht nur in Bezug auf Börse und Wirtschaft gilt. Allerdings ist es für Laien, oft genug aber auch für den Experten, schwierig, alle Aussagen auf ihre Korrektheit zu überprüfen. Man sollte sich zum bewusst machen, dass jede Zeitung und jeder Fernsehsender Auflagen bzw. Einschaltquoten benötigt, um existieren zu können und dass beängstigende Schlagzeilen wie die oben genannten natürlich gut für die Quote sind, liegt auf der Hand. Daher sind auch die seriösen Talkshows mit Gästen im schwarzen Anzug am Ende Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger.

Viel wichtiger ist die Frage, was das für den einzelnen Anleger und dessen Entscheidungen bedeutet. Derartige Schlagzeilen wirken sich auf die sogenannte Risikowahrnehmung aus. Im Gegensatz zur Risikobereitschaft eines Menschen, die in der Regel ein sehr konstantes Merkmal ist, wird die Risikowahrnehmung durch Medien, Mitmenschen und Co. beeinflusst. Die Schlagzeile, die Aktienmärkte stünden kurz vor einem Börsencrash wie 1929 sorgt für eine erhöhte Risikowahrnehmung („Wir stehen eventuell vor einem Crash, daher sind Aktien jetzt riskanter…“). Bei vielen Anlegern, das gilt durchaus auch für Profis wie Fondsmanager und Vermögensverwalter,  führt dies zu übereilten Verkäufen der entsprechenden Positionen, die dann möglicherweise teuer wieder eingekauft werden müssen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Anleger durch dieses Verhalten bis zu 50% weniger Rendite verdienen, als der Vergleichsmarkt.

Minimieren lässt sich der Einfluss dieses „schlechten Anlegerverhaltens“ nur, indem feste Regeln für die Investition eingehalten werden. Ein  Verständnis für die Funktionsweise des Zielmarktes sowie ein nachvollziehbarer Investmentansatz helfen dabei, negative Schlagzeilen oder Meldungen besser einordnen zu können, ohne gleich einen Verkaufsimpuls auszulösen. Die oft gepriesene und auch den ersten Blick charmante, weil einfach Lösung „einfach den ganzen Markt mithilfe eines ETFs“ zu kaufen, ist hiermit nicht unbedingt gemeint. Sicherlich bieten ETFs die Möglichkeit, kostengünstig und breit gestreut zu investieren, aber auch hier muss der Anleger die Disziplin haben, nach festen Regeln zu kaufen oder zu verkaufen. Außerdem haben ETFs einen oft unbeachteten, aber gar nicht so unwichtigen Nachteil: Die Gewichtung folgt der Marktgewichtung, das heißt am Beispiel eines breiten Aktienindex‘, dass in der Vergangenheit gut gelaufene Aktien über und schlecht gelaufene Aktien untergewichtet sind. Der Experte bezeichnet ein solches Kaufverhalten als prozyklisch – ein Zustand, den es eigentlich gerade zu vermeiden gilt.

Ein nachvollziehbar strukturiertes Portfolio auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Funktionsweise des Aktienmarktes mit einem regelgebundenen Rebalancing des Portfolios bietet die strategische Vermögensverwaltung Faktor-Portfolio der YPOS Finanzplanung. Regelmäßige Informationen zur Strategie ermöglichen es dem Anleger, die Entwicklungen zu verstehen und die Strategie langfristig beizubehalten – und das auch dann, wenn mal wieder irgendwer einen vermeintlich revolutionären Chart gefunden hat.

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Über den Autor

Lisa Hassenzahl ist Geschäftsführerin der YPOS Finanzplanung GmbH und Gründerin des ersten Family Offices für Frauen, Her Family Office. Bereits seit 2015 ist sie Certified Financial Planner und bietet eine Beratung, die Fragen der Kapitalanlage und der Vermögensstrukturierung mit rechtlichen sowie steuerlichen Aspekten verknüpft.