Eingestellt am 1. Juli 2015 · Eingestellt in Alle Publikationen

Die nicht endenden Diskussionen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern zehren an den Nerven der Anleger. Gekoppelt mit einer imposanten Medienpräsenz geht häufig der Blick für die langfristige Einordnung verloren. Zudem übertüncht diese Art von Großereignis die eigentlichen Handlungsfelder eines privaten Anlegers.

Ursachenforschung – Vom Zinssozialismus zur politischen Marktwirtschaft

Typischerweise werden Schuldner sowohl an der Fähigkeit, als auch ihrem Willen zur pünktlichen Bediendung von Zins- und Tilgungszahlungen gemessen. Je höher die Qualität, desto niedriger ist der Risikoaufschlag, den die Geldgeber verlagen. Die Grafik zeigt, dass dieser „Normalfall“ auch für die verschiedenen Länder der späteren Eurozone galt. Der solide Schuldner Deutschland zahlte weniger Zinsen als andere Länder.

Durch den Beitritt zur Eurozone wurde dieser marktwirtschaftliche Mechanismus für die schwächeren Länder außer Kraft gesetzt. Es galt die Devise „Eine Währung = Eine Bonität“. Dementsprechend schmolzen die Risikoaufschläge vermeintlich schwächerer Schuldner wie Butter in der Mittelmeersonne. In Kombination mit einem sich insgesamt reduzierenden Zinsniveau ergaben sich so ungewohnte Finanzierungsmöglichkeiten. Dieser Zinssozialismus ermöglichte die Etablierung eines Lebensstandards, der deutlich über der eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit lag.

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Zudem diente er als künstlicher Puffer gegen die günstigen Arbeitskräfte aus den aufstrebenden Schwellenländern und den stärkeren globalen Wettbewerb. In Folge der Finanzkrise 2008 kam es zu einem Realitätsschock. Die Marktteilnehmer differenzierten nun plötzlich wieder zwischen den einzelnen Ländern. Wiederum wurden in der Folge die marktwirtschaftlichen Funktionen außer Kraft gesetzt. Dieses Mal durch die Europäische Zentralbank (EZB) und deren Verprechen „alles zu tun, was notwendig ist“, um die Eurozone zu erhalten. Im Ergebnis kann der politische Wille eines einheitlichen Währgungsraumes für heterogene Staaten nur mit Eingriffen in die freie Preisbildung von Schuldzinsen (=Renditen von Staatsanleihen) und Transferzahlungen umgesetzt werden.

Was bedeutet das langfristig für die Wirtschaft und die Kapitalmärkte?

Die griechische Wirtschaftsleitung macht weniger als zwei Prozent der Eurozone aus. Ob und wie das Land im Euro und/oder der Europäischen Union verbleibt ist daher für die Entwicklung der globalen Wirtschaft ohne Belang. Auch die Schulden des Landes liegen zu 76 Prozent bei Instiutionen des öffentlichen Sektors, also EZB und Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Eine Abschreibung dieser Schulden belastet den privaten Sektor (Banken und Versicherungen) in einem sehr überschaubaren Rahmen. Ein Vergleich mit den Folgen der unerwarteten Lehman Brothers Insolvenz drängt sich daher nicht auf.

Und wie sieht es kurzfristig aus?

Die Anleihekaufprogramme der EZB haben in den ersten Monaten des Jahres 2015 für stark steigende Euro-Aktienmärkte und einen schwächeren Euro gesorgt. In den vergangenen Wochen hat der deutsche Aktienmarkt (DAX30) rund 50 Prozent seines Jahresgewinns wieder verloren. Diese schönen Buchgewinne möchten die Anleger natürlich schützen. Daher wirkt die überraschend starke Verunsicherung (man hatte mal wieder mit einer 5 vor 12 Einigung gerechnet) aus der griechischen Tragödie als zusätzlicher Katalysator für Veräußerungen und Absicherungsmaßnahmen vor dem saisonal häufig schwachen Sommer.

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Hinweise für Anleger

Der wichtigste Rat für den Anleger lautet jedoch: Lassen Sie sich durch die Geschehnisse um Griechenland nicht in Ihrer Strategie verunsichern. Fokussieren Sie sich auf das, was sie selbst kontrollieren können. Das war und ist eine handwerklich sauber umgesetzte Anlagestrategie.

Bei der Herleitung einer langfristigen Anlagestrategie unter Berücksichtigung Ihrer finanziellen Ziele sowie der finanziellen Risikobereitschaft unterstützen wir Sie gerne. Das aktuelle Umfeld sollte nicht zu überstürtzten Investitionsentscheidungen verleiten, ist aber in jedem Fall ein guter Anlass, sich mit der oft verdrängten finanziellen Planung zu beschäftigen.

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Eine Einschätzung zur weiteren Entwicklung ist ebenso Thema wie die wichtigsten Punkte aus Anlegersicht.

 

Über den Autor

Herr Leichtweiß ist Finanzplaner und Portfoliomanager. Seine Beiträge finden Sie regelmäßig auf unserer Seite.