Eingestellt am 15. Oktober 2018 · Eingestellt in Alle Publikationen

ETF spielen in modernen Portefeuilles eine immer größere Rolle. Worauf man dabei achten sollte und warum ETF generell nicht sicher sind, erklärt Certified ETF Consultant Lisa Hassenzahl, Geschäftsführerin der YPOS Finanzplanung GmbH, im Interview mit dem Magazin procontra online.

procontra: Mit dem IDD-Umsetzungsgesetz wurde eine Angemessenheits- und Geeignetheitsprüfung für Versicherungsanlageprodukte Pflicht. Immer mehr Aktien-ETF finden Aufnahme in Fondspolicen. Doch der Kunde erfährt nicht, dass nach echten und synthetischen ETF unterschieden wird. Ein Problem?

Hassenzahl: In einem ersten Schritt ist dieser Faktor nicht relevant. Zunächst geht es um die Frage, wie viel Risiko für einen Kunden angemessen und geeignet ist. Das ist der Schlüssel zu einer Strategie, die der Kunde langfristig beibehalten kann. In diesem Zusammenhang geht es also erstmal nicht um die konkrete Ausgestaltung des Produkts als „Verpackung“, sondern um den Inhalt. Im Fall von ETF reden wir in der Regel über Aktien oder Anleihen.

procontra: Das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus meinte kürzlich, ETF seien sicher, nur bei synthetischen ETF droht Gefahr. Stimmt das?

Hassenzahl: Die Sendung ließ mich in Teilen sprachlos und staunend zurück. Grundsätzlich ist es ein wichtiger Punkt und absolut korrekt, die Anleger auf Risiken synthetischer ETF aufmerksam zu machen. Ich bin allerdings entsetzt darüber, dass in diesem Beitrag ETF mehrfach ausdrücklich als sichere Geldanlagen bezeichnet wurden und nur dann „gefährlich“ seien, wenn sie eine synthetische Nachbildung aufweisen.

procontra: Auf ersten Blick klingt das doch plausibel mit den synthetischen ETF und dem Ausfallrisiko der Swap-Geber? Was stört Sie vordringlich?

Hassenzahl: Grundsätzlich ist die Aussage hinsichtlich der Swap-Thematik nicht falsch, wobei sie etwas undifferenziert dargestellt war. Es ist aber korrekt, dass sich hieraus erst einmal ein Kontrahentenrisiko ergibt. Die Frage ist doch aber, was dieses Risiko genau bedeutet und an welcher Stelle es greift. Wir reden hier um das Risiko, dass ein Zahlungsstrom ausfällt, es wird aber immer so getan, als würde dadurch der ETF an sich wertlos.

procontra: Was stimmt dann nicht?

Hassenzahl: Nicht korrekt ist die mehrfach gefallene Aussage, ETF seien sicher und nur gefährlich, wenn sie synthetisch nachgebildet sind. Als Beraterin dürfte ich eine solche Aussage niemals tätigen, weil ich Schadenersatzforderungen riskieren würde. ETF mit physischer Nachbildung sind nämlich auch nicht sicher. Sie unterliegen den Marktschwankungen, und es ist nicht ungewöhnlich, dass der Markt in einer Krisenphase mal 40 Prozent oder mehr nachgibt. Der Vergleich mit dem Sparbuch in diesem Zusammenhang war von der Redaktion daher nicht gut gewählt.

procontra: Trotzdem empfehlen auch Verbraucherschützer ETF nahezu uneingeschränkt. Warum?

Hassenzahl: In meiner Wahrnehmung vor allem, weil sie günstig sind. Der Siegeszug der ETF begann nach der Finanzkrise und erhält vor allem in den letzten Jahren medialen und nicht zuletzt auch regulatorischen Rückenwind, etwa durch Kostenausweise.

Ich bin gespannt, was die Verbraucherzentralen sagen, wenn wir mal die erste deutliche Korrektur der anhaltenden Hochphase erleben. Wir reden hier über ein Instrument, was zu 100 Prozent den Aktienmarkt abbildet, ohne Netz und doppelten Boden. ETF sind ein tolles Instrument, gerade in der Vermögensverwaltung, wo die Anlagestrategie durch den Verwalter bestimmt wird und somit Produkte möglichst transparent und kostengünstig sein sollten, aber sie als risikolos zu bezeichnen, das ist die eigentliche Gefahr, die von der Sendung verniedlicht wurde.

procontra: Wie setzen sich ETF eigentlich zusammen?

Hassenzahl: Bei klassischen ETF genauso wie der Markt, das wurde im Video korrekt dargestellt. Was nicht hinterfragt wurde und wohl auch vielen Beratern nicht bewusst ist: Die klassischen Indizes sind marktkapitalisierungsgewichtet. Soll heißen: Besonders hoch gewichtet sind die Werte, die ohnehin schon teuer und gut gelaufen sind. In einem Umfeld, wie dem aktuellen, ist das ein Risikofaktor, denn in diesen Werten steckt das höchste Rückschlagpotenzial.

procontra: Wie gefährlich so ein Swap eigentlich?

Hassenzahl: Am Beispiel des im Plusminus-Video genannten MSCI World ETF der Deutschen Bank wird relativ schnell klar, dass das Swap-Risiko wirklich sehr gering ist. Oft scheint hier der Gedanke im Raum zu stehen, der ETF sei bei Ausfall des Kontrahenten wertlos. Das ist ganz und gar nicht der Fall, denn der ETF hat selbst einen Sicherheiten-Korb. Und es ist nicht ein Swap-Kontrahent, sondern mehrere, mit denen die Ausgleichzahlungen getauscht werden – übrigens täglich. Und dank der neuen Emir-Richtlinie ist sowieso nochmal mehr Sicherheit vorhanden.

procontra: Emir-Richtlinie?

Hassenzahl: Es geht dabei um die Regulierung des außerbörslichen Derivatehandels. Dazu trägt die EU-Verordnung European Market Infrastructure Regulation – kurz: Emir – maßgeblich bei. Sie hat die Aufsicht über OTC-Derivate deutlich verschärft. Für ETF bedeutet das, dass auf einen einzelnen Swap-Partner maximal fünf Prozent entfallen dürfen. Früher durfte es das Doppelte sein. Wettbewerbsdruck und Regulatorik haben mittlerweile generell zu deutlich mehr Transparenz und Anlegerschutz geführt. So wird das Thema Wertpapierleihe für das Sicherheitsportfolio von vielen Anbietern ausgeschlossen.

procontra: Haben synthetische ETF jetzt noch einen Sinn?

Hassenzahl: Synthetisch replizierende ETF sind kein Selbstzweck, sondern haben durchaus ihre Berechtigung: Durch die synthetische Nachbildung wird der Tracking-Error zum Index vollständig auf null gesenkt, was einem physischen ETF durch Transaktionen und damit verbundene Kosten nie der Fall ist. Gerade in kleinen Märkten ist eine synthetische Abbildung oft viel effizienter. Logischerweise ist die Kostenquote eben auch geringer und in manchen Fällen zahlen Swap-Kontrahenten sogar noch eine sogenannte „Swap Renditeverbesserung“.

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Welche Lehren sollten Anleger ziehen?

Hassenzahl: Grundsätzlich gilt hier der gleiche Leitfaden wie immer. In einem ersten Schritt geht es nicht um die Frage, nach dem Instrument, also ob ETF (syanthetisch oder physisch replizierend), aktiver Fonds etc.

Zunächst geht es um die Herleitung einer langfristigen und vor allem individuellen Anlagestrategie, die zu den eigenen Zielen, der bereits vorhandenen Vermögensstruktur und der Risikobereitschaft passt. Das ist viel wichtiger und insbesondere in schwierigen Marktphasen, deren Wahrscheinlichkeit zunimmt, der Schlüssel für ein besonnenes Handeln und die nötige Disziplin.

Konkret auf die ETFs bezogen, zeigt mir der Beitrag, genau wie viele andere Beiträge in den Medien, dass es viel Unwissenheit und Mythen gibt. Vielen Anlegern ist nicht klar, wie ETFs funktionieren, bzw. dass es sich hier nur um eine Verpackung handelt. Man muss den Inhalt hinterfragen und so einfach es erstmal klingt, „der Bildet halt den MSCI World ab“, so groß sind die Stolpersteine, die sich ergeben können.

Und vor allem nochmal der Hinweis: Wir reden hier (meistens) über Instrumente, die  zu 100% den Aktienmarkt abbilden. Aus meiner Beratunsgpraxis weiß ich, dass eigentlich kein Anleger risikobereit genug ist, um im schlimmsten Fall so viel Schwankung auszuhalten. Es wird in den nächsten Monaten sehr spannend werden, denn die Schwankungen an den Märkten nehmen zu und Anleger, die alleine ein ETF-Depot aufgebaut haben, werden jetzt zum ersten Mal seit Jahren wirklich auf die Probe gestellt.

Das zeigt sich auch ganz deutlich an der Anzahl der Beratungsanfragen, die ich derzeit erhalte. Vielen wird klar, dass ein ausschließlich auf Aktienindizes aufgebautes ETF Depot zu offensiv ist und Anleihe-ETFs sind für viele nicht greifbar.

Was bieten wir unseren Kunden?

Wir sind Ihr Ansprechpartner für alle finanziellen Fragestellungen. Wir bieten unabhängige Finanz- und Ruhestandsplanung,  Vermögensbetreuung, Anlageberatung und Family Office Dienstleistungen an. Das Kundenspektrum reicht vom Private Banking Kunden über namhafte mittelständische Unternehmen bis zum Single Family Office und ist in ganz Deutschland verteilt. In der Umsetzung kann auf nahezu alle am Markt verfügbaren Banken, Vermögensverwalter und Anlageprodukte zurückgegriffen werden. Zudem besteht ein hervorragendes Netzwerk mit Steuerberatern und Anwälten.

 

Über den Autor

Yannick Schneller ist seit 2014 im Rahmen eines Studiums an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in unserem Unternehmen tätig.